Francisco de Goya, Torheit der Angst, Blatt 2 aus den "Los Proverbios", 1815-1824, Radierung (Detail)
Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie Frankfurt, Foto: © Städel Museum, ARTOTHEK

Schattenzeiten.
Künstler zwischen Anpassung und Widerstand.

12. Mai bis 6. September 2020

2016 gab die Gemeinde Murnau eine Studie zur Erforschung der politischen und gesellschaftlichen Geschichte Murnaus zwischen 1919 und den 1950er-Jahren in Auftrag. Die daraus entstandene Dokumentation, die im ersten Stock präsentiert
wird, nimmt das Schloßmuseum zum Anlass, sich in seiner Sonderausstellung mit künstlerischen Positionen zwischen Anpassung und Widerstand auseinanderzusetzen.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Künstlern, deren Werke das Museum entweder in seinen Sammlungen bewahrt oder als Dauerleihgaben zur Erforschung und Sammlungsverdichtung erhalten hat.

Mit düsteren Vorahnungen des 19. Jahrhunderts führt die Ausstellung hin zu Werken von Franz Marc, Paul Klee, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Carl Rabus, Cuno Fischer, Max Beckmann, Gabriele Münter u. a. Die Zeitspanne reicht von der Revolution und Räterepublik 1918/19 über zwei Weltkriege und Wirtschaftskrisen bis hin zum geteilten Deutschland. Lebenssituationen und Handlungsweisen des 20. Jahrhunderts stehen dabei unmittelbar den zeitgenössischen Positionen von Hans Angerer, Rita de Muynck und Nikolaus Lang gegenüber.

Die ausgewählten kurzen Lebensphasen sind dabei explizit als Bruchstücke, als aus Lebenslinien herausgebrochene Momentaufnahmen formuliert, die Verhaltensweisen und Entscheidungen, selbstbestimmt oder erzwungen, beleuchten. Sie entwickeln sich chronologisch, führen zwischendurch jedoch auch wieder zurück und nehmen auf Vorangegangenes Bezug. So ergeben sich immer wieder neue Bezüge: Francisco de Goya und Hans Angerer, Käthe Kollwitz und Max Klinger, Rita de Muynck und Albrecht Dürer.

Jedes Künstlerschicksal hat sich unter verschiedenen Voraussetzungen auf seine ganz eigene Weise entwickelt, entsprechend der Herkunft, der Familie, den Erfahrungen von Freunden, einem wachen Umfeld oder den alarmierenden Zeichen, die rechtzeitig gedeutet wurden. Die von Francisco de Goya dokumentierten „Desastres de la guerra“ sind über die Jahrhunderte hinweg dieselben geblieben. Sie ziehen sich als Motive in Variationen bis ins 21. Jahrhundert durch. Die Würde des Menschen scheint nach wie vor antastbar.

„So werden täglich sicher mehr als tausend Menschen ermordet und wieder tausende deutscher Männer werden an den Mord gewöhnt. Und das alles ist noch ein Kinderspiel gegen das, was in Polen und Rußland geschieht. Darf ich denn das erfahren und trotzdem in meiner geheizten Wohnung am Tisch sitzen und Tee trinken? Mache ich mich dadurch nicht mitschuldig?"
Helmuth James Graf von Moltke, 21. Oktober 1941

Ein Grußwort der Museumsleitung

Anstelle einer Eröffnung

Leider mussten wir aus gegebenem Anlass auf die Eröffnung unserer Sonderausstellungen „Es kommen kalte Zeiten. Murnau 1919–1950“ und „Schattenzeiten – Künstler zwischen Anpassung und Widerstand“ verzichten.

Eine Eröffnung ist für alle Beteiligten, für die Kuratoren, die Leihgeber, die Restauratoren, die Grafiker, die Lektoren, die Gestalter, die Haustechniker und die Teamassistenz ein ganz besonderer Augenblick: Ein langjähriges Projekt wird erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, erste Reaktionen erreichen uns beim ersten gemeinsamen Gang durch die Ausstellung, Künstler, Leihgeber und Gäste kommen miteinander ins Gespräch, Kontakte werden geknüpft, Kreise schließen sich. Dies alles haben wir sehr vermisst.

Darüber hinaus ist es der Moment, offiziell Dank zu sagen, was ich an dieser Stelle gerne nachholen möchte. Ohne das Entgegenkommen und Vertrauen der privaten Leihgeber, die ihre Werke zum großen Teil selbst transportiert haben, hätten wir diese Ausstellung „Schattenzeiten“ nicht durchführen können. Ihnen gilt unser herzlichster Dank!

Unser Dank gilt auch den Institutionen, die uns in der bangen Phase der Entscheidungsfindung ihre Leihgaben lange Zeit auf Abruf zur Verfügung gestellt haben: die Staatlichen Museen zu Berlin, Nationalgalerie, das Heartfield-Archiv der Akademie der Bildenden Künste, Berlin, das Kunstmuseum Bochum, die Staatsgalerie Stuttgart, das Städel Museum Frankfurt a. Main und die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München. Für ihre Geduld und ihr Verständnis, als wir die Leihgaben canceln mussten, bedanken wir uns sehr! Sie alle haben mit uns nach Lösungen gesucht, worüber wir uns sehr gefreut haben.

Herzlich danken möchte ich vor allem auch den Künstlern Rita de Muynck, Nikolaus Lang und Hans Angerer, die unser Projekt in zahlreichen Gesprächen begleitet und dem Museum ihre Werke zur Verfügung gestellt haben.

Nicht zuletzt gilt mein Dank dem Gemeinderat des Marktes Murnau, der für die Durchführung der „Schattenzeiten“ in überarbeiteter Version gestimmt hat.

So legen wir Ihnen nun zwei Ausstellungen ans Herz, die viel mit dem Ort zu tun haben, an dem wir uns befinden. Mit Murnau, in den Jahren zwischen 1919 und 1950, und mit den Künstlern, deren Werke im Sammlungsbestand des Schloßmuseums Murnau sind, und welchen unsere Forschung gilt.

Verbunden werden beide Ausstellungen nicht zuletzt durch die Frage: Wie hätte ich mich selbst verhalten? Wie mutig wäre ich gewesen? Fragen, die wir zeitlebens in uns tragen und die erst beantwortet werden können, wenn wir selbst in Ausnahmesituationen Entscheidungen treffen müssen.

Noch ein abschließendes Wort zur Notwendigkeit der Kulturarbeit in Zeiten einer Pandemie: In einer Studie, die die Künstlerin und Psychologin Rita de Muynck seit 2017 durchgeführt hat, kommt sie zu dem Fazit:
„In der gegenwärtigen Situation können Besuche von Kunstmuseen einen wichtigen Beitrag im Umgang mit Krankheit, Tod, Ansteckung, Angst und Bedrohung darstellen. Resilienz, die Abwehr von Krankheiten, sowie Empathie, Hilfe und Rücksichtnahme wurden für Museumsbesucher auf verschiedenen Ebenen nachgewiesen. Damit können Kunstmuseen‚ und -galerien, speziell auch im derzeitigen Kontext von Öffnung und Kontrolle zu den systemrelevanten Einrichtungen gezählt werden. Das unmittelbare Erleben, das „Berührt-werden“ hat sich hierbei als fördernde Bedingung erwiesen, die durch virtuelle Darbietungen nur mangelhaft ausgeglichen werden kann.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen anregenden Museumsbesuch.

Bleiben Sie wachsam!

Ihre Sandra Uhrig
Leiterin des Schloßmuseums Murnau
Paul Klee, Trauerblumen, 1917, 132, Aquarell und Feder auf Papier, Privatsammlung
Carl Rabus, Frauenbildnis, 1939, Öl auf Leinwand, Schloßmuseum Murnau,
© Carl Rabus Nachlass, Murnau / Brüssel
Nikolaus Lang, Soldaten um Acheleschwaig I,
Waldungen bei Kaarschindelwiese und im „Kammerl“, September 1968 bis April 1975,
Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Hans Angerer, Arbeitsbuch zu Francisco de Goyas „Desastres de la Guerra“, 1991
Arbeiten auf Papier, © Hans Angerer 2020
Rita de Muynck, Ach ja, 2014, Acryl auf Leinwand
Foto: Harald Rumpf, © Rita de Muynck 2020

Impressionen zur Ausstellung

Von Martin Schmötzer
© Schlossmuseum Murnau