Paul Klee, Waldvogel, 1920, 81, Aquarell und Bleistift auf kreidegrundierter Gaze auf Papier,
oben und unten mit Glanzpapierstreifen angestückt, auf Karton,Privatsammlung, © Foto: Nikolaus Steglich, Starnberg

PUNKT, LINIE, FLÄCHE.

Die Kinderzeichnung und der Expressionismus

Bis 7. November 2021

Das Schloßmuseum Murnau widmet sich in dieser Ausstellung einem Thema, mit dem sich bereits Wassily Kandinsky, Paul Klee, Pablo Picasso, Asger Jorn und weitere bedeutende Künstler der Klassischen Moderne intensiv auseinandersetzten.

In seinem Beitrag „Über die Formfrage“ für den Almanach „Der Blaue Reiter“ schrieb Kandinsky 1911:
„Wenn wir aus der selbstständigen Wirkung des inneren Klanges die uns hier nötige Folge ziehen, so sehen wir, dass dieser innere Klang an Stärke gewinnt, wenn der ihn unterdrückende äussere praktisch-zweckmässige Sinn entfernt wird.
Hier liegt die eine Erklärung der ausgesprochenen Wirkung einer Kinderzeichnung auf den unparteiischen, untraditionellen Beschauer. […] So entblösst sich in jeder Kinderzeichnung ohne Ausnahme der innere Klang des Gegenstandes von selbst.“
Zusammen mit Gabriele Münter besaß er ein Konvolut von etwa 300 Kinderzeichnungen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren über die Kreativität von Kindern zahlreiche Publikationen erschienen und es gab einige Ausstellungen zu dieser Thematik. Bereits seit den 1880er-Jahren hatte sich Alfred Lichtwark, erster Direktor der Hamburger Kunsthalle, mit dem Kunstunterricht in Schulen beschäftigt. Zusammen mit dem Pädagogen Carl Götze zeigte er 1898 in der Kunsthalle die Ausstellung „Das Kind als Künstler“. 1922 erschien Gustav Hartlaubs Buch „Der Genius im Kinde. Zeichnungen und Malversuche begabter Kinder“, das auf die Vorbereitungen zur gleichnamigen Ausstellung in der Mannheimer Städtischen Kunsthalle im Frühjahr 1921 zurückging.

In dieser Publikation sind u. a. zwei Buntstiftzeichnungen der achtjährigen Ingeborg Haeckel abgebildet, der Enkelin des Naturforschers Ernst Haeckel, die von 1939 bis 1966 Schulleiterin in Murnau war.

Die vermehrte Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung des Kindes erregte früh die Aufmerksamkeit in Künstlerkreisen. Wassily Kandinsky war einer der ersten Künstler, der erfasste, welche Bedeutung die Adaption von Wesen und Wirkung der Kinderzeichnung für die Kunstentwicklung haben könnte. Das kindliche Universum, die Parallelität von Fantasiewelt und Realität, die Spontaneität und nicht zuletzt die Unbeschwertheit im Umgang mit Größenverhältnissen und Gesetzen der Schwerkraft sowie das hohe Abstraktionsvermögen, das schon Charles Baudelaire (1821–1867) bewundert hatte, gaben der expressiven Malerei damals wie heute Impulse. Nicht zuletzt führt uns die Auseinandersetzung mit der Kinderzeichnung in einen „Zustand der Kindheit“, an dem Künstler festhalten sollten, da er Lebendigkeit und Frische verspricht. Das empfahl etwa der britische Maler und Kunsthistoriker John Ruskin (1819–1900).
Unsere hektische, Multitasking-strapazierte Zeit ist wie keine andere zuvor geprägt von dem Wunsch nach Authentizität, Unmittelbarkeit und klaren Ausdrucksmitteln. Genau der richtige Zeitpunkt, um eine Ausstellung über die Ursprünge künstlerischen Schaffens, die Wirkung elementarer Ausdrucksmittel und die Rezeption durch Künstler zu zeigen.

Die schicksalhafte Bedeutung naiv-kraftvoller Ausdrucksmittel für den niederländischen Maler Constant und die Gruppe Cobra steht in der Ausstellung ebenso im Mittelpunkt, wie es auch um die lebenslangen Auseinandersetzungen und ambivalenten Positionierungen von Paul Klee geht. Arbeiten von Arnulf Rainer und A. R. Penck dokumentieren die Wege und Methoden der nachfolgenden Generation.

Zur Ausstellung erscheint ein
Katalog
für 25,00 EUR mit Beiträgen von Pia Dornacher, Isabelle Jansen, Hannah Monyer, Jacopo Galimberti und Heribert Riesenhuber. Der Katalog wurde mit Hilfe der großzügigen Unterstützung des Förderkreises Schloßmuseum Murnau und der Antonie-Zauner-Stiftung realisiert.

Ebenfalls bietet das Schloßmuseum Murnau
spezielle Angebote für Kinder und Familien
zur Ausstellung an.


Im Rahmen der Museumskooperation der 
MuSeenLandschaft Expressionismus
 haben sich die fünf daran beteiligten Museen im bayerischen Oberland mit dem Schwerpunkt auf den Deutschen Expressionismus erstmalig mit dem Projekt
AVANTGARDE IN FARBE. Blauer Reiter / Brücke / Expressionismus
zu einer aufeinander abgestimmten, hochkarätigen Ausstellungsreihe zum Thema Blauer Reiter, Brücke und Expressionismus zusammengeschlossen.


Wassily Kandinsky, Die Nacht (Spazierende Dame), 1903, Gouache und weiße Kreide auf braunem Karton
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter-Stiftung 1957, Inv. Nr. GMS 583,
Foto: Simone Gänsheimer, Ernst Jank
Gabriele Münter, Haus, 1914, Pappe (li.), nach der Kinderzeichnung: Robert (Unbekannt), Haus, o. D.,
Bleistift mit Farbkreiden auf Zeichenkarton (re.), Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München,
© VG Bild- Kunst, Bonn 2021 / Fotos: Simone Gänsheimer, Ernst Jank
Lyonel Feininger, Blaue Brücke, 1920, Tusche und Aquarell auf Vergé,
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Nikolaus Steglich, Starnberg
Gabriele Münter, Krokodiljagd, 1916, Aquarellfarbe auf Büttenpapier, auf Pappe geklebt,
Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Simone Gänsheimer, Ernst Jank
Paul Klee, Figurine des bunten Teufels, 1927, 166, Tempera auf Papier auf Karton,
Franz Marc Museum, Kochel am See, Dauerleihgabe aus Privatbesitz © Foto: collecto.art
Karel Appel, Small Cat, 1951, Mischtechnik auf Papier, Privatsammlung
© K. Appel Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Asger und Bodil Jorn (Tochter), Ohne Titel, 20.12.1959
Zeichnung, Stiftung van de Loo, München
Lothar Fischer, Straßenkreuzer (mit Insassen), 1966
Ton bemalt, Museum Lothar Fischer, Neumarkt i. d. OPf., © Foto: Andreas Pauly
© Schlossmuseum Murnau