Erma Bossi, Les trois baigneuses, 1910/19150, Aquarell, Privatbesitz

Innen, aussen, drinnen, draussen...

Aquarelle und Grafiken der Klassischen Moderne

1. Oktober 2020 bis 4. Juli 2021

Innen, außen, drinnen, draußen … Diese einfache Wortfolge erinnert bewusst an den Klang und Rhythmus von Abzählreimen wie „Ene, mene, muh und raus bist du“.
So haben sich viele nach dem Lockdown im März 2020 gefühlt. Als wäre man angezählt worden, saß man mit einem Mal entweder zuhause in Quarantäne oder im Homeoffice bzw. allein im Büro.

Plötzlich war man aus dem Alltag gerissen und in einen unabsehbaren Ausnahmezustand versetzt.

Von einem Augenblick auf den anderen war der eigene Aktionsradius stark eingegrenzt, weil der Außenraum nur noch eingeschränkt genutzt werden durfte. Und der Innenraum fühlte sich immer enger an. Der Mensch und seine Position zu Abstand und Raum wurden neu definiert.

Mit einer Auswahl von Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken aus Privatbesitz und dem eigenen Bestand präsentiert das Schloßmuseum Murnau selten gezeigte Blätter von Künstlern der Klassischen Moderne, die sich meisterhaft mit dem Innen- und Außenraum auseinandersetzten:
menschenleere Stadtlandschaften von Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff; beschauliche Interieurs von Félix Vallotton, Gabriele Münter und David Hockney; quirliges Großstadtleben und Sehnsuchtsorte bei Karl Hubbuch, August Macke sowie Erma Bossi.

So treffen klassische Sujets auf unsere durch die letzten Wochen und Monate veränderte Wahrnehmung. Haben uns Interieur- und Landschaftsmalerei heute noch oder vielleicht wieder etwas zu sagen? Faszinieren uns die Motive?
Sind sie gar tröstlich in ihrer Zeitlosigkeit?

Das Schloßmuseum Murnau lädt ein zu einem spannungsreichen Dialog zwischen Kunst und aktueller Wahrnehmung.

Zum Auftakt der Ausstellung:

„Für die Betrachtung dieser Ausstellung sind zwei Lesarten möglich. Zum einen war es ein langgehegter Wunsch, das Medium der Grafik wieder ins Zentrum einer Ausstellung zu rücken. Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken führen neben den Gemälden nicht selten ein wortwörtliches Schattendasein. Im Gegensatz zu ihnen vertragen sie aus konservatorischen Gründen nur wenig Licht und werden zudem als sogenannte Flachware in der Ausstellungswelt oft als untergeordnet betrachtet.
Die Grafik ist zudem ein leises Medium, das manchmal auch den zweiten und dritten Blick benötigt, um in Gänze erfasst werden zu können. Aus eigenem Bestand und aus Privatsammlungen haben wir daher selten gezeigte Blätter und nicht zuletzt kleine Kostbarkeiten der Klassischen Moderne
herausgesucht.


Zum anderen lag es nahe, uns mit unserer durch die letzten Wochen und Monate veränderten Wahrnehmung auseinanderzusetzen: Bilder einzelner Menschen in einem Raum, Anblicke menschenleerer Landschaften und vibrierenden Großstadtlebens erzeugen seit dem Lockdown im Frühjahr 2020 andere Empfindungen als zuvor. Sie sind um unsere Erfahrungen im Umgang mit der Pandemie erweitert.

Die Bilder vom Mensch und seiner Position zum Raum mögen neben dem Wechselspiel veränderter Lesarten auch Mut machen, die Einschnitte dieser Zeit auch positiv werten zu können und vor allem die Vorfreude auf einen normalisierten Alltag wecken.

Wir möchten uns sehr herzlich bei den privaten Leihgebern bedanken, die uns Ihre Werke als Leihgaben oder Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt haben. Ohne ihre Unterstützung hätten wir diese Ausstellung kaum so vielseitig und attraktiv präsentieren können. So sind einige erlesene Blätter dabei, die noch nie, bzw. über mehrere Jahrzehnte lang,

der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren.

Zusammen mit der Kunstvermittlung ist es gelungen, diese Ausstellung für die ganze Familie zu öffnen. Zusätzliche Texte für Kinder und Mitmach-Angebote laden Groß und Klein zum abwechslungsreichen Gang durch die Ausstellung ein.

Ein Dank geht auch an das gesamte Team, das wieder Großartiges geleistet hat, um die Ausstellung in der Kürze der Zeit umzusetzen.

Wir wünschen Ihnen einen anregenden Museumsbesuch.

Bleiben Sie gesund!

Ihre Sandra Uhrig
Leiterin des Schloßmuseums Murnau
David Hockney, Two Vases in the Louvre, 1974

Farbradierung, Leihgabe aus Privatbesitz, © David Hockney 2020.

Ernst Ludwig Kirchner, Das blaue Haus im Topflappenviertel, 1909
Farbige Kreide, Leihgabe aus Privatbesitz
Karl Hubbuch, Konditorei, um 1930
Zeichnung, Dauerleihgabe Sammlung Bünemann, © Karl Hubbuch Stiftung/Städtische Galerie Karlsruhe 2020
Otto Mueller, Selbstbildnis mit Modell und Maske, um 1920
Farblithografie, Leihgabe aus Privatbesitz

Karl Hubbuch, Auf dem Boulevard Bonne Nouvelle, um 1930
Aquarell und Federzeichnung, Dauerleihgabe Sammlung Bünemann, © Karl Hubbuch Stiftung/Städtische Galerie Karlsruhe 2020
Gabriele Münter, Gebirgslandschaft am See, um 1918
Aquarell und Tuschpinselzeichnung, Dauerleihgabe aus Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
© Schlossmuseum Murnau