Perspektiven

Blicke, Durchblicke, Ausblicke in Natur und Leben, in Kunst und Volkskunst

Blicke, Durchblicke, Ausblicke in Natur und Leben in Kunst und Volkskunst
Mit Beiträgen von Brigitte Salmen, Günter Metken, Dieter Lorenz, Renate Prochno,
Ernst Berninger, Eva-Maria Seitz, Sabine Siebel, Margareta Benz-Zauner, Birgit Jooss,
Felix Burda, Nina Gockerell, Sigrid Metken, Werner Schiedermair
bearb. von Brigitte Salmen
Murnau am Staffelsee 2000
Preis: vergriffen
ISBN: Murnau am Staffelsee 2000
Perspektiven



Blicke, Durchblicke, Ausblicke
in Natur und Leben
in Kunst und Volkskunst



Im Jahr 2000, einem markanten Zeitpunkt unserer Zeitrechnung, erscheint das Thema "Perspektiven" besonders geeignet, um sowohl die Kulturgeschichte des Sehens ins Gedächtnis zu rufen, als auch Lebensperspektiven und Ausblicke in die Zukunft bewußt zu machen.


Als wichtiges Phänomen unserer Wahrnehmung kann die Perspektive auch als Schlüssel zum Verständnis der visuellen Kommunikation in der heutigen Zeit dienen.
Die Vielschichtigkeit des Begriffs und seine Bedeutung in der Kunstgeschichte, in der Volkskunst und als visionärer Begriff menschlicher Perspektiven ermöglichen eine vielseitige Präsentation.


In einem technisch-naturwissenschaftlichen Teil werden zunächst anhand von Bildern, Instrumenten und Apparaten die Gesetz-mäßigkeiten und Techniken der Perspektive erläutert sowie deren Anwendung im künstlerischen Kontext aufgezeigt. Fernrohr, Stereoskop, Mikroskop, Kamera und andere Geräte illustrieren einige Mittel zum Umgang mit räumlicher Sehweise im Laufe der Jahrhunderte.


Kunstwerke verschiedener Gattungen vom Mittelalter bis in die Gegenwart sollen beispielhaft die jeweilige Rolle perspektivischer oder auch nichtperspektivischer Gestaltung verdeutlichen.



Gemälde aus dem Mittelalter spiegeln wider, wie Bedeutungsperspektive mittels Farbsymbolik und Größenverhältnissen gestaltet wurde.


Die exakte Berechnung der Zentralperspektive seit dem 15. Jahrhundert ermöglichte es, reale Proportionen maßstabsgerecht in die Fläche zu projezieren. Perspektive auf mathematisch-exakter Grundlage war damit für die Neuzeit eine der wichtigsten Formen der Welt-Anschauung, die durch Künstler wie Theoretiker im 15. und 16. Jahrhundert konsequent weiterentwickelt wurde.


In der Barockzeit gelingt schließlich die vollendete Anwendung der perspektivischen Gesetze bis hin zur perfekten illusionistischen Täuschung vor allem in der italienischen Deckenmalerei. Diese hatte insbesondere auf die süddeutsche Freskomalerei des 18. Jahrhunderts großen Einfluß. Ihr wesentliches Merkmal ist, daß die reale Architektur durch illusionistisch-perspektivische Malerei weitergeführt wird.


Das 19. Jahrhundert ist vor allem durch einen undogmatischen und subjektiven Umgang mit den Perspektivregeln gekennzeichnet, bis diese zum Ende des Jahrhunderts völlig außer Kraft gesetzt werden. Spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts wenden sich die Künstler von dem bis dahin gültigen Grundprinzip der exakt berechneten Perspektive vehement ab: im Expressionismus etwa wird sie bewußt ignoriert oder im Kubismus und Futurismus zerschlagen. Dieser Weg führt unter anderem zur abstrakten Kunst.

Die Beibehaltung von stark perspektivischen Darstellungen etwa im Surrealismus erfolgte unter eigengesetzlichen Vorzeichen. In unserer Zeit ist perspektivische Gestaltung wieder präsenter denn je.



Diese wesentlichen Entwicklungsschritte der Perspektive in der Kunst sollen mit wichtigen Beispielen veranschaulicht werden: Gezeigt werden unter anderem Werke von Albrecht Dürer, Erhard Schön, Hieronymus Rodler, Sebastiano Serlio, Andrea Pozzo, Paul Heineken, Daniel Volkert, Matthäus Günter, Eduard Gärtner, Gabriele Münter, Carlo Carrà, Pablo Picasso, Paul Klee, Alexander Rodtschenko, Berenice Abbott, Victor Vasarely, René Magritte, Max Ernst, Hannah Höch, Giorgio de Chirico oder Miroslaw Rogala. 
Auch im Bereich der Volkskunde findet sich besonders im 18. und 19. Jahrhundert eine Vielfalt und Vielschichtigkeit an Ausprägungen perspektivischen Sehens bis hin zu völliger Negierung der Perspektive in bildlichen Darstellungen, etwa Votivbildern. Andererseits ist gerade in volkstümlichen Objekten wie Klosterarbeiten, Papierkulissen, Hinterglas-Mehrschichtenbildern, Guckkastenbildern, volkstümlichen Bilderbögen oder Panoramen das Spiel mit illusionärer Räumlichkeit von großer Bedeutung und besonderem Reiz. 
Der vielschichtige Bereich der Perspektive als visionäre Idee im Sinne von gedanklichem Ausblick und Weitblick soll, als individuelle Erfahrung z. B. anhand labyrinthischer Suche unmittelbar demonstriert und darüberhinaus mit Bezug auf verschiedene persönliche Perspektiven während des Lebenslaufs und - in Gestalt von Memento mori des 17. und 18. Jahrhunderts - mit Blick auf den Tod und darüberhinaus bewußt gemacht werden.

Eine Vielzahl von Werken der Geistesgeschichte soll an die vielseitigen ethischen und gesellschaftlich-politischen Perspektiven erinnern, die die Menschheitsgeschichte bestimmt und begleitet haben und dies weiterhin tun.



Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen

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